Alles auf einen Streik

Wer nicht kriegt, was er will, streikt. Kleine Kinder wie Fluglotsen und Ärzte. Kommunikativer Super-GAU, und keine Sieger. 

Ich kenne es von meinen Söhnen sehr gut. Die verkniffenen Augen, die heruntergezogenen Unterlippen, die vor der Brust verschränkten Arme. Es wird gestreikt. Meine Söhne, Statuen der Sturheit, oftmals begleitet von einem herzzerreißenden Geschrei. Die Aussage: Alle anderen sind die Bösen, denn ich krieg nicht, was ich will.

Dieses Bild von meinen streikenden Söhnen habe ich auch im Kopf, wenn ich in Zeitung oder Fernsehen Bilder von streikenden Parteien bzw. ihrer Sprecher sehe. Statuen der Sturheit, oftmals begleitet von einem herzzerreißenden Geschrei, oder besser Getrillere. Die Aussage: Alle anderen sind die Bösen, denn ich krieg nicht, was ich will.

Krise, verdichtet auf das Wesentliche?

Ob beim Lufthansa– oder beim Ärzte-Streik in Deutschland, in den Medien müssen und dürfen alle Seiten rechtfertigen, warum sie im Recht sind. Oder besser, sich im Recht wähnen. Aber mal ganz ehrlich: Das Hin und Her der Argumente aller Parteien kommt bei den Leser oder den Medienbeobachter doch wirklich kaum an, geschweige dann, dass rational geurteilt werden könnte, wer wirklich im Recht ist? Denn es glaubt ja sowieso jede Seite, sie ist es.

Die Inhalte sind meist viel zu vielschichtig, zu komplex, um sie in epischer Breite darstellen zu können. Wer hat wie viel die letzten Jahre verzichtet? Wer ist wem in welcher Sache wo entgegengekommen? Warum ist welcher geforderter Prozentsatz heute wie gerechtfertigt? Diese Fragen gehen unter in der emotional geführten medialen Auseinandersetzung, die vor allem auf Platitüden, gegenseitigen Beschimpfungen und Anschuldigungen aufbaut. Trotz mit Sicherheit oft gefüllter Krisenkommunikation-Arsenale bei den betroffenen Parteien.

Zudem zieht es ja am Flimmerkasten viel besser, wenn man knackig auf den Gegner draufhaut. Gibt auch eine bessere Schlagzeile ab. Leider ist das dann auch das, was überbleibt. Kommt es zu einem Streik, ist es meistens um die gesittete Kommunikation geschehen. Und am Ende? Da gewinnt keiner. Das Image ist beschmutzt, das Ansehen ruiniert, von einer Person, einem Unternehmen, einer Branche.

Reden, reden, reden – am besten schon vor der Krise

Dabei wären es gerade in der Krise die Inhalte das, was ankommt. Zumindest bei den Betroffenen, glaubt man einer Studie der Uni Mainz. Interessanterweise tauchte zudem in der Studie (2009) gerade die Lufthansa als Positivbeispiel auf. Aber das nur nebenbei. Denn eigentlich wollte ich hier nicht auf die Dos und Don’ts der Krisenkommunikation zu sprechen kommen. Vielmehr stellt sich mir die Frage, wie es denn überhaupt so weit kommen kann. Hätte es wirklich soweit kommen müssen?

Meine klare Meinung: NEIN! Mir ist bewusst: Schlichter und Gerichte wären arbeitslos, gäbe es keine unüberbrückbaren Differenzen. Oder besser scheinbar unüberbrückbar. Denn nennt mich naiv, nennt mich gutgläubig, haltet mich für einen ewigen Optimisten mit Glauben an das Gute, ich glaube und möchte glauben an ehrliche, professionelle Kommunikation. Ich glaube daran, dass langfristig angelegte, offene Kommunikation eine Gesprächskultur schafft, die den Boden bereitet gerade für solch schwierige Verhandlungen – und mögen die Fronten noch so verhärtet sein, die Ansichten so weit auseinandergehen.

Eine solche Kultur, aufgebaut auf reden, reden und reden, schafft Akzeptanz und Vertrauen, gegenseitig, ohne Allüren, ohne Arroganz, dafür mit Realitätssinn, Kompromissbereitschaft und gegenseitigem Respekt.  Ein Verhältnis ohne Streik. Dann erstrahlen die verkniffenen Augen schnell wieder in altem Glanz, die heruntergezogene Unterlippe wandert wieder nach oben und die vor der Brust verschränkten Arme öffnen sich. Bei der Lufthansa, bei den Ärzten, bei meinen Kindern.

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