Die Lust und Unlust am Skandal

Gedanken über Grassers Eskapaden, ausgelebte Personalisierung und die Rolle der Medien.

Ein Österreichischer Finanzminister – sieben Jahre Ministerposten, prominent in die A-Dabei-Gesellschaft verheiratet, feiner Zwirn und schöne Haare… und das Wort „Skandal“ schwingt stets mit – in der medialen wie der nicht-medialen Öffentlichkeit. Der Blick in das Inhaltsverzeichnis von Herrn Grassers Wikipedia-Eintrag liest sich wie die Historie der politischen Affairen in Österreich: 1 Leben, 2 Politik, 3 Öffentliche Kontroversen, und hier geht es dann los: 3.1. Homepage-Affaire, 3.2. BUWOG-Affaire, 3.3. Linzer Terminal Tower, 3.4. BAWAG-Affaire, 3.5. Verstöße gegen das Unvereinbarkeitsgesetz, 3.6. Ermittlungen wegen möglicher Geldwäsche, 3.7. Steuerhinterziehung und 3.8. Sonstiges. Allein: verurteilt ist Grasser bei den meisten Fällen nicht – bislang. Die Schlinge scheint sich jedoch immer mehr zuzuziehen. Noch gilt die Unschuldsvermutung, ein Satz, der rechtlich bedeutsam, aber für mich kaum mehr zu verkraften ist. Aktuell ist Grasser Im Zentrum, was dem ORF ein Quotenhoch bescherte – und außerdem den Vorwurf, dass Grasser die Talkgäste selbst bestimmte; hinzu kommen eine ausführliche Berichterstattung über Social-Media-Aktionen wie die Grassermovies oder eine „Vorlesung“ an der Uni Wien zu bzw. aus den Abhörprotokollen.

Die Kernfrage für mich: Ist der Anlass der Medienberichterstattung noch ein bestimmtes Ereignis selbst oder ist es allein das „Skandalhafte“, das inzwischen allem anhaftet, was das Label „Grasser“ trägt?

„Skandal“ kommunikationsstrategisch

Nähern wir uns vorsichtig: Was zeichnet einen Skandal aus? Ein Skandal (scandalum/lat., scandalon/gr.: Anstoß, Ärgernis) ist unerhört, unglaublich, anstößig und wird oftmals synonym mit dem Begriff der Affaire verwendet – und wichtig: er bezieht sich auf die öffentliche Wahrnehmung von etwas. Ein Skandal ist also überraschend und meint damit ein – kurzfristiges – Aufbegehren der Öffentlichkeit zumeist in Bezug auf ein bestimmtes Verhalten einer Person des ‚öffentlichen Lebens‘. Passt also auf KHG.

Doch wie ist es möglich, dass sich ‚skandalös‘ gleichsam als Charakteristikum einer Person anheftet und immer, wenn die Person die Bühne der Öffentlichkeit betritt, jeder einen Skandal ‚wittert‘ bzw. zeitgleich ‚alte‘ Skandale aufgewärmt werden? Kritisch hinterfragt gehört zumindest die Medienagenda, die Auswahl und prominente Platzierung derartiger Themen. Grassers Tagwerk „bubbles up to the surface as discursive ‚topics‘ … these discursive ‘topics’ swirl into each other – each is muddied with the silt of the others, none can flow in unsullied purity or isolation” (Fiske 1994: 7).  Dementsprechend kommt der eben zitierte Medienwissenschaftler John Fiske zu dem Schluss, dass “media events are sites of maximum visibility and maximum turbulence” (Fiske 1994: 7, 8).

Ist Grassers Verhalten also wirklich so ‚turbulent‘? Einzelne Informationen „leaken“ – und die Medien stürzen sich darauf. So hat es manchmal den Anschein. Der Grad, in wie weit eine solche Berichterstattung bzw. darin angedeutete Mutmaßungen möglicher Skandale eine Berichterstattung rechtfertigen, ist aus meiner Sicht eng.

Zitieren wir noch einen Skandaltheoretiker: Ein Skandal „verlangt … die uralte Unterscheidung … zwischen Böse und Gut“ (Hondrich 2002: 15). Der öffentliche Skandal gewährt demnach einen Einblick in die „Tiefenschichtung der Moral“ (ebd.: 19); anhand eines Skandals schärft die Gesellschaft gleichsam ihre gemeinsamen Werte, der Skandal lässt „momentan und spontan die moralische Einheit aufblitzen, ohne die es auch in der modernen Welt keine Gesellschaft gibt“ (22).

Es ist ein schöner ethischer Gedanke, dass Journalisten über Grasser allein aufgrund der gesellschaftspolitschen Bedeutung (?) bzw. Stabilität in Österreich berichten. Nur so richtig dran glauben kann ich nicht.  Für mich scheint eher im Vordergrund: der Leser und Informationskonsument. Medien schreiben, produzieren für die Rezipienten, die LeserInnen – und bei diesen (und ich nehme mich hier nicht aus) scheint oft auszureichen, dass es um ‚Machenschaften‘, geheime Seilschaften, gewürzt mit ein wenig Kitzbühel-Flair, geht.

Die Lust an der Person

Das Publikum kann von Herrn Grasser – oder besser: von dem skandalumwitterten Schönen der österreichischen Politik – scheinbar nicht genug bekommen. Personalisierung lautet hier das Schlagwort – auch im Zusammenhang mit dem Kommunikationsmanagement ein wichtiger Begriff. Personalisierung markiert einen „journalistischen Nachrichtenwert“, ein Charakteristikum, das einem Ereignis anheftet bzw. angeheftet wird und welches dazu führt, dass eher über eben dieses Ereignis berichtet wird als über ein anderes.

Beispiel: Eine verschluckte Brezel ist bei Herrn Bush jun. berichtenswerter als bei mir. Im Fall von Grasser: Individualethisches Fehlverhalten hat mehr Nähe zu meinen eigenen Entscheidungen über gutes und böses Tun als abstrakte Darstellungen von beispielsweise zu versteuernden und nicht zu versteuernden Beträgen.

So stehen im Mittelpunkt von Skandalen eben auch zumeist Personen. Personalisierung ist damit einerseits ein kommunikationsstrategisches Instrument, das aber – wie hier exemplarisch gezeigt – mit Vorsicht eingesetzt und genossen werden sollte. Denn es kann auch zu einer Loslösung der Person von den Inhalten und eigentlichen Ereignissen kommen. Und dies passiert gerade mit KHG. Diesen Prozess zu beschleunigen ist allerdings meines Erachtens nicht die Aufgabe und gesellschaftliche Funktion der Medien. Aber auch für die Medien gilt die Unschuldsvermutung.

Ein Österreichischer Finanzminister – sieben Jahre Ministerposten, prominent in die A-Dabei-Gesellschaft verheiratet, feiner Zwirn und schöne Haare… und das Wort „Skandal“ schwingt stets mit – in der medialen wie der nicht-medialen Öffentlichkeit. Der Blick in das Inhaltsverzeichnis von Herrn Grassers Wikipedia-Eintrag liest sich wie die Historie der politischen Affairen in Österreich: 1 Leben, 2 Politik, 3 Öffentliche Kontroversen, und hier geht es dann los: 3.1. Homepage-Affaire, 3.2. BUWOG-Affaire, 3.3. Linzer Terminal Tower, 3.4. BAWAG-Affaire, 3.5. Verstöße gegen das Unvereinbarkeitsgesetz, 3.6. Ermittlungen wegen möglicher Geldwäsche, 3.7. Steuerhinterziehung und 3.8. Sonstiges. Allein: verurteilt ist Grasser bei den meisten Fällen nicht – bislang. Die Schlinge scheint sich jedoch immer mehr zuzuziehen. Noch gilt die Unschuldsvermutung, ein Satz, der rechtlich bedeutsam, aber für mich kaum mehr zu verkraften ist. Aktuell ist Grasser Im Zentrum, was dem ORF ein Quotenhoch bescherte – und außerdem den Vorwurf, dass Grasser die Talkgäste selbst bestimmte; hinzu kommen eine ausführliche Berichterstattung über Social-Media-Aktionen wie die Grassermovies oder eine „Vorlesung“ an der Uni Wien zu bzw. aus den Abhörprotokollen.

Die Kernfrage für mich: Ist der Anlass der Medienberichterstattung noch ein bestimmtes Ereignis selbst oder ist es allein das „Skandalhafte“, das inzwischen allem anhaftet, was das Label „Grasser“ trägt?

„Skandal“ kommunikationsstrategisch

Nähern wir uns vorsichtig: Was zeichnet einen Skandal aus? Ein Skandal (scandalum/lat., scandalon/gr.: Anstoß, Ärgernis) ist unerhört, unglaublich, anstößig und wird oftmals synonym mit dem Begriff der Affaire verwendet – und wichtig: er bezieht sich auf die öffentliche Wahrnehmung von etwas. Ein Skandal ist also überraschend und meint damit ein – kurzfristiges – Aufbegehren der Öffentlichkeit zumeist in Bezug auf ein bestimmtes Verhalten einer Person des ‚öffentlichen Lebens‘. Passt also auf KHG.

Doch wie ist es möglich, dass sich ‚skandalös‘ gleichsam als Charakteristikum einer Person anheftet und immer, wenn die Person die Bühne der Öffentlichkeit betritt, jeder einen Skandal ‚wittert‘ bzw. zeitgleich ‚alte‘ Skandale aufgewärmt werden? Kritisch hinterfragt gehört zumindest die Medienagenda, die Auswahl und prominente Platzierung derartiger Themen. Grassers Tagwerk „bubbles up to the surface as discursive ‚topics‘ … these discursive ‘topics’ swirl into each other – each is muddied with the silt of the others, none can flow in unsullied purity or isolation” (Fiske 1994: 7).  Dementsprechend kommt der eben zitierte Medienwissenschaftler John Fiske zu dem Schluss, dass “media events are sites of maximum visibility and maximum turbulence” (Fiske 1994: 7, 8).

Ist Grassers Verhalten also wirklich so ‚turbulent‘? Einzelne Informationen „leaken“ – und die Medien stürzen sich darauf. So hat es manchmal den Anschein. Der Grad, in wie weit eine solche Berichterstattung bzw. darin angedeutete Mutmaßungen möglicher Skandale eine Berichterstattung rechtfertigen, ist aus meiner Sicht eng.

Zitieren wir noch einen Skandaltheoretiker: Ein Skandal „verlangt … die uralte Unterscheidung … zwischen Böse und Gut“ (Hondrich 2002: 15). Der öffentliche Skandal gewährt demnach einen Einblick in die „Tiefenschichtung der Moral“ (ebd.: 19); anhand eines Skandals schärft die Gesellschaft gleichsam ihre gemeinsamen Werte, der Skandal lässt „momentan und spontan die moralische Einheit aufblitzen, ohne die es auch in der modernen Welt keine Gesellschaft gibt“ (22).

Es ist ein schöner ethischer Gedanke, dass Journalisten über Grasser allein aufgrund der gesellschaftspolitschen Bedeutung (?) bzw. Stabilität in Österreich berichten. Nur so richtig dran glauben kann ich nicht.  Für mich scheint eher im Vordergrund: der Leser und Informationskonsument. Medien schreiben, produzieren für die Rezipienten, die LeserInnen – und bei diesen (und ich nehme mich hier nicht aus) scheint oft auszureichen, dass es um ‚Machenschaften‘, geheime Seilschaften, gewürzt mit ein wenig Kitzbühel-Flair, geht.

Die Lust an der Person

Das Publikum kann von Herrn Grasser – oder besser: von dem skandalumwitterten Schönen der österreichischen Politik – scheinbar nicht genug bekommen. Personalisierung lautet hier das Schlagwort – auch im Zusammenhang mit dem Kommunikationsmanagement ein wichtiger Begriff. Personalisierung markiert einen „journalistischen Nachrichtenwert“, ein Charakteristikum, das einem Ereignis anheftet bzw. angeheftet wird und welches dazu führt, dass eher über eben dieses Ereignis berichtet wird als über ein anderes.

Beispiel: Eine verschluckte Brezel ist bei Herrn Bush jun. berichtenswerter als bei mir. Im Fall von Grasser: Individualethisches Fehlverhalten hat mehr Nähe zu meinen eigenen Entscheidungen über gutes und böses Tun als abstrakte Darstellungen von beispielsweise zu versteuernden und nicht zu versteuernden Beträgen.

So stehen im Mittelpunkt von Skandalen eben auch zumeist Personen. Personalisierung ist damit einerseits ein kommunikationsstrategisches Instrument, das aber – wie hier exemplarisch gezeigt – mit Vorsicht eingesetzt und genossen werden sollte. Denn es kann auch zu einer Loslösung der Person von den Inhalten und eigentlichen Ereignissen kommen. Und dies passiert gerade mit KHG. Diesen Prozess zu beschleunigen ist allerdings meines Erachtens nicht die Aufgabe und gesellschaftliche Funktion der Medien. Aber auch für die Medien gilt die Unschuldsvermutung.

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