Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte – und oft doch viel zu wenig.

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht mit der Japan-Katastrophe. Rund eine Woche ist es her, seit der Tsunami die Ostküste überrannt und eine Verwüstung noch nicht bekannten Ausmaßes hinterlassen hat. Seit Tagen wird rauf und runter berichtet, im TV gibt es Sondersendungen en masse und auf allen Kanälen. Dazu Beiträge, die das gesamte Desaster von hundert verschiedenen Seiten beleuchten – aus Sicht der Menschen, der Hilfskräfte, der Wissenschaftler, der Medienvertreter, der Umwelt – und beinahe hätte ich noch geschrieben, der Marsmenschen. Und so grausam das in Japan alles sein mag – ich kann und will nicht mehr hinschauen. So geschockt und mitgenommen wie ich zu Beginn war, so überfressen habe ich mich heute sprichwörtlich an den Bildern. Wie bei einem guten Popsong: Den kann ich auch nicht mehr anhören, wenn ich ihn 1000mal gehört habe.

Nur ein Ausschnitt

Apropos 1000: Ein Bild sage mehr als 1000 Worte, heißt es. Das mag wohl richtig sein. Aber ein Bild sagt deshalb auch nicht mehr, wenn man es 1000mal ansieht. Aber es SAGT etwas, obwohl es ohne Sprache, ohne Wörter auskommt. Ein Bild wirkt direkt, emotionalisiert – und bekommt damit Macht. Wir fühlen uns mittendrin im Geschehen, wiegen uns im Glauben, direkt dabei zu sein. Ein Bild erscheint uns erst einmal glaubwürdig.

Ein Bild aber ist gleichzeitig immer nur eine Darstellung eines Augenblicks aus einem bestimmten Blickwinkel, eine Reproduktion der Wirklichkeit (laut Wikipedia kommt Bild aus dem Althochdeutschen: bilidi, „Nachbildung“). Es kann also irreführen, weil es oftmals nicht die ganze Geschichte erzählt. Gerade in Zeiten, wo sich dank moderner Technologie Fotos und Videos blitzschnell verbreiten, ist also Vorsicht angebracht. Letztes Beispiel: die Unruhen in Nordafrika – Ägypten, Tunesien, Libyen. Bilder werden gezeigt von Demonstranten, Schießereien, blutenden Menschen, gefilmt mit Handykameras und verbreitet über Twitter oder Facebook. Doch was erzählen diese uns wirklich? Wer hat den ersten Stein geworfen, welche Hintergründe stehen hinter diesen Bildern, Einzelschicksale oder Zeitdokument einer gesamten Gesellschaft? Da mag man noch so nah dran sein, diese Bilder werden immer nur ein Ausschnitt sein. Gesamtaussagen zu einem Zustand in einem Land daraus zu ziehen, halte ich für gefährlich, weil sie über die (falsche) Bilder Vorurteile verfestigen können.

Viel zu viel?

Aber was ist nun mit mir? Bin ich etwa abgestumpft, weil ich die Bilder nicht mehr sehen will? Vermutlich bin ich einfach nur ein normaler Rezipient. Ja – und nein.

Ja, weil ich mich über die Rezeption dieser gewaltigen und gewalthaltigen Bilder an diese gewöhne und meine emotionale Reaktion abnimmt bzw. ganz ausbleibt (Habitualisierungsthese in der Medienwirkungsforschung, vgl. z.B. Kunczik 2003). Deshalb arbeitet ja auch z.B. die Werbepsychologie daran, meine Aufmerksamkeit mit immer wieder neuen Spektakeln zu gewinnen.

Nein, weil ich selber mit der Veröffentlichung dieser Gedanken in meinem Blog die Ökonomie der Aufmerksamkeit am Leben halte, den Austausch und die Bewirtschaftung von Aufmerksamkeit. Gerade für die strategische Kommunikation ist Aufmerksamkeit als ‚Währung‘ mit zu denken. Nicht nur deshalb sind die an mir selbst beobachteten Effekte der Bilder spannend. Was ist die richtige Kommunikationsstrategie, wenn meine Zielgruppen bzw. Stakeholder auch ‚abgestumpft‘ sind – nicht gegen Gewalt aber z.B. in Bezug auf Infos zu IT-Themen.

Auf und Ab von Themen

Für das Kommunikationsmanagement ist von diesen hier geführten Überlegungen aber noch etwas spannend: das Auf und Ab von Themen. Wie schnell wird Libyen auf der Medienagenda von Platz 1 auf einen der hinteren Ränge verschoben – obwohl die Lage vor Ort nun nicht gerade an Brisanz abgenommen hat. Eine Erklärung dafür findet sich in Modellen des so genannten ‚Public issue life cycle‘ (vgl. u.a. Buchholz et al. 1993, Downs 1972).

Auch in einer aktuellen Ausgabe der Zeit findet sich eine derartige Darstellung zyklenhafter ‚Medienmoden‘ bzw. der ‚Reizthemen‘ der vergangenen 30 Jahre (Zeit Nr. 2, 5.1.2011, S. 82). Eine entsprechende Thematisierung gleicht einer ‚Fieberkurve‘, die mit einem ersten ‚Skandal‘ nach oben schnellt, andere Medien hängen sich mit ihrer Berichtertstattung an und nach einer gewissen Zeit wird das Problem gelöst bzw. versiegt das Interesse des Publikums und damit auch der Medien – oder glauben Sie, SARS, BSE oder Kindermissbrauch gibt es nun nicht mehr, nur weil darüber gerade nicht mehr berichtet wird?

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