Wissenschaft ist Wissenschaft, weil sie mit Wissen Wissen schafft. Bei mir jedenfalls. Obwohl ich ein PR-Praktiker bin. Widerspruch? Die PR-Konferenz BledCom beweist das Gegenteil.

Sie ist nicht neu, die Diskussion um den Nutzen der Wissenschaft für die Praxis. Auch und gerade in der PR nicht. Studien fänden im Elfenbeinturm statt, die Sprache sei so theoretisch, dass bei Praktikern bereits beim Lesen Juckreiz ausbräche, und vor allem gäbe es in der Ausbildung keinerlei Fokus auf das, was die Praxis genau braucht, so die Stimmen. Ich gebe zu: Auch ich falle manchmal in diesen Tenor mit ein. Blöd für mich nur, wenn das lebende Gegenargument und Frau Professor im eigenen Haus wohnt. Da wird aus meinem brancheninternen Stammtischgeraunze, das ich in meinen wohl gezüchteten PR-Bart grunze, schnell eine Diskussion um den Wert und die Stellung der Universitäten und Fachhochschulen im Lande.

Sei es drum: Letztes Wochenende war für mich wieder einmal die Zeit gekommen, intensiv über Digital PR und die Zukunft der Branche nachzudenken. Ich hatte die Qual der Wahl: Werbeplanungs-Summit und PRCamp14 in Wien oder der Sommerempfang der Werber in Kärnten mit Hubertus von Lobenstein, Aimaq von Lobenstein, und BledCom, eine wissenschaftliche PR-Konferenz in Bled, die Praxis und Theorie zusammenbringen will. Ich entschied mich für Zweiteres. Und ich bin froh drum. Nur warum?

Denken, denken, denken

Die digitalen Welten sind immer noch eine Spielwiese – und werden das wohl de facto immer bleiben. Wir wissen heute zwar bereits sehr viel und immer mehr, wie das so funktioniert in Sachen Kommunikation in diesem Internet. Doch was ist morgen? Die Entwicklungsgeschwindigkeit ist rasant. Im Grunde sind wir Getriebene, lechzend nach dem nächsten Trend, nach der nächsten Plattform und dem nächsten Dorf, durch das wir die neuen PR-Säue scheuchen. Operatives Denken ist im Fokus, die Nutzung von Kanälen, die Ideen und Maßnahmen scheinen die notwendigen strategischen Überlegungen oft zu überlagern. Als Agentur gibt es ein weiteres Problem: Das alles soll gerne vom Kunden gekauft werden. Also wird es verpackt, verpackt in schöne Worte wie Content Creation Cumulation Centers oder Super Serious Storytelling Supervisory Strategy. Oder so. Hauptsache es klingt gut. Am besten selbst erfunden und mit Trademark dahinter. Das PR- und Marketing-Bullshitbingo der vergangenen Jahre hat Stilblüten getragen wie wohl in keiner anderen Branche, schön zusammengefasst hier. Und da beschweren wir uns als Praktiker, die Wissenschaft wäre abgehoben?

Das spiegelt sich auch in den Veranstaltungen wider. Im Vergleich zu früher beschleicht mich bei „praktischen“ Vorträgen immer öfter das Gefühl, dass das „wir sind die besten, schönsten und sowieso klügsten“ mehr im Vordergrund steht als wirklich hintergründige Informationsvermittlung. Auch wenn Inhalt und Art des Vortrags wohl so gewünscht war, war das für mich auch bei Lobenstein so – so locker, kurzweilig, bildsprachenreich und unterhaltend seine Rhetorik auch war. Eine neue Zahl hier, ein paar weitere Best Cases dort, das war es dann schon. Dazu noch die Überzeugung, alles bislang gelernte am besten über den Haufen zu werfen und die digitalen Welten komplett neu zu denken. Immerhin. Denn mit diesem „Denk-Auftrag“ bin ich dann zur BledCom.

Plädoyer für einen Schulterschluss von Praxis und Theorie

Die Wissenschaft hat zwei große Vorteile: Sie ordnet PR-Phänomene theoretisch ein, betrachtet größere Zusammenhänge und hinterfragt kritisch. Und sie hat die Zeit, Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Diskutieren, Zeit, die in der Praxis oftmals fehlt. Das beides hat die BledCom bestätigt. Obwohl sich unter dem Titel „Digital Publics: New Generation, New Media, New Rules“ alles um PR in der digitalen Welt drehte, hätten die Thematiken unterschiedlicher nicht sein können: Studien aus Sicht der Kommunikationstreibenden, der Nutzer, der Unternehmer, unterschiedliche Ergebnisse aus unterschiedlichen Ländern, unterschiedliche Themenbereiche von CSR und Politik über Health bis hin zu IKT.

Die knappen, aber intensiven Vorträge waren Anregungen für tiefer gehende und äußerst befruchtende Diskussionen – nicht nur über Referenzen und Plattformen, sondern über Theorien, Ansätze, Strategien. Vor allem der „Reflective Communication Scrum“-Vortrag der Holländerin Prof. Betteke van Ruler, die Anleihen an der Agilen Softwareentwicklung nimmt und diese für das Kommunikationsmanagement übersetzt, hat es mir angetan – verbindet es doch zudem meine beiden Vorlieben, die strategische Kommunikation und die IT. Was genau dahintersteckt, werde ich mir aber erst noch einverleiben müssen.

Zusammengefasst: Tun wir uns als Praktiker doch die Mühe an, in die manchmal zugegebenermaßen tiefen Tiefen der Wissenschaft einzusteigen und dementsprechend auch Ideen mit Tiefgang zu entwickeln. Auch BledCom-Keynoter und Ketchum-EU-Digital-Head Stephen Waddington plädiert für einen Schulterschluss, für Diskussionen und Austausch. Wir leben es zu Hause per definitionem tagtäglich. Und nach diesen Tagen in Bled kann ich mich dem nur noch mehr anschließen.

2 Kommentare
  1. das medium
    das medium sagte:

    der beitrag: zu pauschal, warum „wir“?! – ich fühle mich nicht angesprochen, ich fühle mich auch nicht als getriebener; jeder beruf hat seine fachtermini; wenn ich wissenschaftler hätte werden wollen, wäre ich nicht praktiker geworden und umgekehrt. übrigens ist es in allen disziplinen durchaus üblich, dass wissenschaft „denkt“ und forscht und die professionelle praxis die sache eben an den mann bringt. als kunde gehe ich zurecht davon aus, dass die agentur/der dienstleister seinen/ ihren job versteht. das problem ist dann also eher, dass wir es mit der PR/Kommunikationsbranche mit einem zugangsfreien berufsfeld zu tun haben. eine rückkopplung an die wissenschaft ist also optional, aber durchaus mittlerweile (gott lob!) üblich. was soll also der aufruf am ende? bitte nicht von sich selbst auf andere schließen!!

    und dann noch dies: warum es in bled besser gewesen sein soll, wenn du gar nicht weißt, wie es in wien war, erschließt sich mir zudem nicht.

    schwamm drüber, schön, dass die wederei wieder bloggt.

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  2. Stefan Weder
    Stefan Weder sagte:

    Ja, Zeit ist es geworden, ist schon lange her seit dem letzten Beitrag. Muss daher wohl textlich noch ein wenig eingerostet sein…Zu pauschal und verallgemeinernd, d’accord, vielleicht ja durchaus beabsichtigt…:-)

    Praxis bringt die Sache an den Mann, richtig, nur welche Sache genau, das ist für mich die Frage. Da blase ich gerne in das gleiche Horn in Sachen Professionalisierung der Branche und freier Zugang (gute Anregung btw.). Und umso schöner zu lesen, wenn solch ein Aufruf bei Dir nicht notwendig ist und das schon gelebt wird und „üblich“ ist. Deshalb würde ich das dennoch immer wieder in die Welt posaunen – gerne auch als Reminder für mich selbst und für alle diejenigen, die das eben noch nicht so intus haben wie Du.

    PS: Wollte übrigens nur ausdrücken, dass ich die Entscheidung, Bled gewählt zu haben, richtig fand – gerade weil ich mich im Vorfeld durchaus intensiv damit beschäftigt hatte, ob ich unter den Wissenschaftlern wirklich richtig aufgehoben bin. „Besser“ kann ich klarerweise nicht sagen.

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